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Oder die Geschichte vom KLEINEN HAUS, das alles in seinen Wänden speicherte

Das kleine Haus erzählt seine Geschichte:

Es war an Weihnachten als meine Bewohner im Briefkasten Bilder aus vergangenen Zeiten fanden. Abgebildet war ich, das kleine Haus. Die Bilder waren ungefähr 60 Jahre alt, soweit ich mich erinnere. Damals sah ich richtig schmuck aus. Weiß gestrichen, Geranien auf der Terrasse und der Hauseingang zur Straßenseite. Als meine Besitzerin sich die Bilder ansah und damals und heute verglich, begann ich ihr meine Geschichte zu erzählen.

Ja, damals in den 50-igern – das war die Zeit, in der alles begann. Nach dem Krieg bekam ich viele Anbauten und ein weißes Kleid. Im Sommer blühten Geranien auf der Terrasse. Ein Jägerzaun säumte die Hochterrasse ein und eine Holzleiter führte am Haus entlang nach oben. Und wie Du auf dem Bild siehst, waren die Stromleitungen noch oben über die Dächer gezogen. Jetzt verstehst Du auch, weshalb der Stromkasten auf dem Dachboden steht und die Verteilung so umständlich war.

Doch zwischenzeitlich sind mehrere Jahrzehnte vergangen und ich habe viel gesehen und erlebt. Es waren schöne, frohe Tage dabei. Und ich habe auch sehr schlechte Zeiten gesehen. Es gab Kinderlachen und es gab leidvolle Tage mit Trennung und Tod. Finanzielle Desaster und beruhigende Polster. All dies hat sich in mein Erscheinungsbild eingeprägt.

Meine damaligen Besitzer verkauften mich, da sie für mich keine Verwendung mehr hatten. Die Älteren waren nicht mehr da und sie selbst zogen  in die Stadt. Auch wenn sie als Personen weg sind, so bleibt Ihr Leben in meinen Wänden gespeichert.

Meine neuen Besitzer bauten mich um. Im Innern hatte ich nun mehr Raum. Geselligkeit und Kinderlachen zog ein. Es war eine fröhliche Zeit. Doch in all dem Trubel wurden die Veränderungen nicht fertig gestellt. Außen ist noch immer die Stelle des alten Eingangs zu sehen. Zugemauert, jedoch nie verputzt. Und innen sind noch immer einige Wände im Rohzustand.

Es kamen finanziell schlechte Zeiten. Meine Besitzer waren nicht mehr in der Lage, etwas für mich zu tun. Sie erneuerten das Notwendigste mit kreativen Ideen und den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Spätere Besitzer schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Doch damals war es so. Zum Schluss musste ich wieder verkauft werden, da die finanziellen Mittel aufgebraucht waren. Und auch das alles habe ich in meinen Wänden gespeichert.

Eine Zeit lang stand ich alleine und unbewohnt. Außen herum wurden Neubauten hochgezogen. Moderne Häuser wechselten die alten Scheunen und Häuser ab. Traurigkeit zog bei mir ein. Und eines Tages kaufte mich ein junges Paar.  Sie planten und veränderten vieles. Zwei Schäferhunde tobten durch meine Räume. Obwohl wir viel Spaß hatten, schien etwas von meiner Traurigkeit abgefärbt zu haben. Die jungen Leute waren ca 30 Jahre jung. Und trotzdem verlegten sie schwarze Platten im Wohnbereich im Erdgeschoss: Wohnzimmer, Eßzimmer und Küche hatten nun einen schwarzen Boden. Die Möbel waren zwar weiß, doch mein Boden war nicht so wie ich es mir vorgestellt habe. Erst viele Jahre später konnte ich meinen Unmut darüber kund tun.

Ach, und auch diese Menschen haben vieles begonnen und nicht zu Ende gebracht. Die Kacheln lagen zwar, jedoch ohne dass sie verfugt wurden. Decken wurden verkleidet, doch einige Ecken blieben wie sie waren. Und dann trennten sich die beiden. Ich stand wieder zum Verkauf.

Die nächsten Besitzer waren ein Ehepaar. Sie haben mich nach Ihrem Geschmack verändert. Es hat mir gut gefallen. Leider hat auch dieser Mann Arbeiten begonnen und dann einfach liegen gelassen. Er hat wahrscheinlich nie verstanden, dass ich ein Geschenk an ihn war. Sonst wäre er nicht so mit mir umgegangen. Ich war traurig. Und wie alles andere auch habe ich es in meinem Gedächtnis, den Wänden gespeichert. Diese Lebensgeschichte ging in jungen Jahren zu Ende. Der Mann starb. Die Frau blieb bei mir. Und mit ihr 3 Katzen. Die Katzen liebten mich. Wir haben uns oft genug unterhalten. Sie erzählten mir, wie sie es schafften die Frau zum Lachen zu bringen und wie sie die Aufgaben und Verhaltensweisen untereinander aufgeteilt hatten. Es war lustig mit ihnen. Ich wollte mich der jungen Frau gegenüber gerne erkenntlich zeigen. Doch wie es bei einem älteren Menschen auch ist, ich war in die Jahre gekommen und nicht alles war noch taufrisch.

Die junge Frau begann auszuräumen, sich von Erinnerungen und überholten Dingen zu trennen. Da kam ein neuer Mann dazu. Was soll ich sagen? Wieder wurde umgestellt und neu gebaut. Und endlich wurden meine Stromleitungen so verlegt, wie ich es mir immer gewünscht habe. Seit diesem Zeitpunkt merkte ich, wie meine Energie gestiegen ist. Ich erhielt eine super moderne Heizung. Jetzt war es auch für mich kuschelig. Lange Zeit war es schön. Doch meine Traurigkeit war nie ganz verschwunden und eines Tages übertrug sie sich auf meine Umgebung.

Es kamen LKWs, die meine Dachrinne abfuhren. Gegenüber wurde ein neues Haus gebaut. Ich erhielt – wie sagen es die Menschen – Setzungsrisse.  Lange Jahre später waren diese noch nicht behoben. Es ging auch nicht, da bei mir z.T. Aufhängungen aus den Fugen geraten waren. Trotzdem erhielt ich ein neues Dach mit neuen Fenstern. Herrlich, ich hatte Fenster, die wie Augen über den Platz schauen konnten.

Und dann passierte etwas merkwürdiges. Die Menschen, die in mir wohnten, denen ich gehöre, waren fast jeden Tag zuhause. Sehr ungewöhnlich, da sie ansonsten fast nur die Nacht über oder das Wochenende hier waren. Ich hörte die Worte Arbeitslosigkeit. Komisches Wort. Denn Arbeit hatten die beiden genug. Sie machten sich auch mit mir sehr viel Arbeit. Besserten aus, renovierten. Doch irgendwann wurde dies weniger. Sie hätten kein Geld mehr für Material. Ich schloss daraus, dass Arbeitslosigkeit etwas mit wenig Geld zu tun hatte. Trotzdem eine merkwürdige Kombination. Nach wie vor war Arbeit in Hülle und Fülle vorhanden.

Meine Menschen hatten Sorgen. Damit sie daran nicht ganz zugrunde gingen, habe ich die Sorgen aufgenommen und in meinen Wänden abgespeichert. Der Nachteil: Manchmal kamen diese Sorgen aus meinen Wänden ohne dass ich etwas dagegen hätte tun können. Und trotz guter Laune wurden die Menschen plötzlich mutlos. Ich hätte ihnen gerne geholfen. Doch meine Erinnerungen an gute Zeiten waren so durchsichtig geworden… Auch mein Äußeres zeigte Wirkung. Ich bekam Falten, der Putz bröckelte ab, Risse bildeten sich. Und immer wieder versuchten meine Besitzer etwas zu tun.

Eines Tages veränderte sich meine Welt. Meine Besitzer veränderten ihre Haltung und nahmen wieder am Leben teil. Dies übertrug sich auch auf mich. Nach wie vor habe ich Risse und Falten, doch ich wirke lebendiger. Was die Zukunft für uns bereit hält, wissen wir nicht.

Sie, als Leser meiner Geschichte, möchte ich auffordern, nichts mehr nur nach dem äußerlichen Schein zu beurteilen. Sondern vielmehr möchte ich Sie auffordern, neugierig auf das zu sein, was hinter dem äußeren Schein steckt.

Autorin: Ursula Vormwald

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